Vom Comic gezeichnet

Was haben Spiele mit Theater zu tun?

Ein Interview mit Gabriela Wenke

Was bedeuter für dich die Theaterarbeit? 

Austausch und Lernen. Kennenlernen von neuen Mitteln. Ich bin weniger Romanautorin, die über lange Zeit allein an ihrem Schreibtisch sitzt, sondern ich arbeite gern mit andern an einem gemeinsamen Projekt. Ausserdem find ich es toll, wenn meine Figuren auf der Bühne ein Eigenleben entwickeln.

Warum arbeitest du hauptsächlich für Kinder und Jugendliche?

Das hat sich so ergeben. Ich bin seinerzeit über die Kinder- und Jugendbuchszene eingestiegen, weil ich mich hier am besten ausgekannt habe und weil ich von einem Verlag angefragt worden bin, ob ich nicht einmal ein Kinderbuch schreiben möchte. Ausserdem ist die Szene doch noch ein bisschen durchlässiger als die Erwachsenenbuchszene, d.h. man wird weniger schnell festgelegt auf ein bestimmtes Genre, auf eine bestimmte Form.

 

Was bedeutet es dir, mit Kindern und Jugendlichen zu  arbeiten? Wie sieht das in der Regel aus?

Direkt mit Kindern arbeite ich vor allem im Bereich „Creative Gameplay“. Hier geb ich u.a.Workshops, bei denen Kinder auf der Basis von ihrem Game-Wissen arbeiten und neue Spiele erfinden. Besonders interessant finde ich, dass sich hier oft Kinder kreativ hervortun, die sonst eher als störend empfunden werden: Jungs, die viel gamen und sich sprachlich nicht so gut ausdrücken können. Hier sind sie dann quasi die Experten. Letzthin hab ich mit Kindern ein Magazin zum Thema „Socken“ gemacht. Die Kinder haben in Gruppen Beiträge verfasst. Da gab es dann auch einige Game-Geschichten… 🙂

Ich bin der Meinung, dass alle Kinder kreatives Potential haben- es geht nur darum, herauszufinden, wie und auf welchem Gebiet.

 

Du hattest mal einen Comic-Laden und warst Kritikerin für Comics und Bilderbücher, hattest also mit Bildgeschichten zu tun: Siehst du einen Zusammenhang zu dem, was du am Theater machst?

Ja, ganz klar. Ich bin stark vom Visuellen, vom szenischen Ablauf und von der Doppelbödigkeit der Comics geprägt. Meine Theatertexte laufen vor meinem geistigen Auge auch fast wie ein Trickfilm ab. Ich denke, das merkt man denen auch an. So arbeite ich gern mit antropomorphen Figuren, wie Insekten, Schafen oder Schweinen.


Außerdem hast du dich immer mit den jeweils neuen Medien für Kinder befasst, von Hörkassetten und Videofilmen in den 80er Jahren, über die Animation und elektronische Spiele heute. Gibt es da eine Gemeinsamkeit, die dich fasziniert?

Ja. Das Neue daran und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben. Ausserdem eröffnen neue Medien auch immer einen neuen Blick auf die Welt.

Was verstehst du genau unter Animation? Was hat das mit Spielen zu tun?

„Animiert“ bedeutet „be-seelt, zum Leben erweckt“ und darunter versteh ich einerseits die klassische Animation, als den Trickfilm, aber auch andere Formen, wie eben Games, bei denen Geschichten oder Figuren durch die Mitwirkung von Game Designern und Gamern ein Eigenleben entwickeln.

Du hast 1998 mit deinem Comicladen aufgehört und angefangen literarisch zu schreiben. Was waren deine Gründe?

Ich bin sehr krank geworden und musste den Laden aus gesundheitlichen Gründen verkaufen. Aber einen Laden zu leiten hat mir viel Spass gemacht und ich hab dadurch viel gelernt und ich hab tolle Leute kennengelernt. Als ich dann mit „Hannah und ich“ den ersten Preis dem Bolero- Short- Story- Wettbewerb gewonnen habe, war das dann eine Ermutigung, weiter zu machen.


Du hast mal geäußert, dass es schwierig sei, Texte, die du wichtig findest, in Kinderbuchverlagen zu veröffentlichen. Woran liegt das deiner Meinung nach?

Es kommt natürlich darauf an, was man als wichtig empfindet. Aber Fakt ist, dass man im Kinderbuch immer über einen Umweg produzieren muss: es sind ja nicht die Kinder selber, die die Bücher dann kaufen. Und die meisten Erwachsenen kaufen Kinderbücher aus pädagogischen Gründen. D.h. im Grunde wird von einem Kinderbuch oft noch immer eine pädagogische Haltung erwartet und sei es nur die der „Leseförderung“. Diese Erwartung spüren die Kinderbuchverlage und damit auch die Autoren noch immer stark. Aber das Feld erweitert sich inzwischen auch durch Apps, e-Books und eben Games.

Kannst du deine Themen und deine Sprache/ deinen Stil/ deine Ansprüche im Theater besser verwirklichen als bei den Buchverlagen?

Ja. Im Theater kann man im Allgemeinen mehr ausprobieren als im Buch. Dies liegt einerseits an der Kreativität und an der Neugier der Theaterszene (vor allen bei der freien Szene) und andererseits an den Strukturen, die grade bei einer Bühne flexibler sind als bei einem Buchverlag. Aber auch im Theater sind die Szenen/ Genres voneinander getrennt; es gibt das Erwachsenentheater, das Kindertheater, das Figurentheater, das institutionelle Theater und die freie Szene… Das find ich schade.

Du liebst Ironie, mehrdeutige Bilder, Humor – ist das etwas, womit sich die Kinderbuchverlage schwer tun – und die Theatermacher nicht?

Das kommt natürlich auf die Theatermacher an. Aber ins Kindertheater werden Kinder meistens von Erwachsenen begleitet und die wollen ja auch unterhalten werden. So ist eine gewisse Doppeldeutigkeit im Theater schon fast Bedingung. Im Kinderbuch hingegen ist sie eher unerwünscht und wirkt irritierend.

Welches Theaterstück würdest du gerne einmal machen?

Immer das nächste!

Was wünschst du dir für – sagen wir die nächsten zehn Jahre – ganz besonders? Für dich? Für den Rest der Welt?

Für mich wünsch ich mir, dass ich weiterhin das Glück habe, immer wieder Neues ausprobieren und lernen zu können und auf Leute zu treffen, denen das genauso viel Spass macht.

Und dann wünsch ich mir sehr, dass wir alle angstfreier und offener werden. Unsere Erde ist bloss ein so ein winziger Furz im Weltall – es muss doch möglich sein, hier einigermassen anständig zusammen zu leben!

Welches ist gerade: dein Lieblinsfilm, deine Lieblingsmusik, dein Lieblingsbuch?

Hm. Es gibt nicht den, die oder das.

„What we do in the shadows“, „Romance and Cigarettes“ gehören sicher aktuell zu den Lieblingsfilmen. Musik- sehr stimmungsabhängig (von Beethoven über Gershwin, Jiddische Lieder, Erika Stucky und allerlei Folk/Rock- ich mag Energie). Bücher- das kann ich wirklich nicht sagen. Comics wie die von Blain, Manu Larcenent oder Marjane Statrapi find ich toll, aber auch Edward Gorey, die Peanuts, Bernd Pfarr, Robert Gernhard, Bart Moeyaert undund und…

Was ist deine schönste Freizeitbeschäftigung?

Das tun zu können, worauf ich grade Lust habe- sei es ins Theater, Kino, Museum oder ins Konzert zu gehen, Freunde zu besuchen oder zu bekochen oder auch einfach zu Hause zu lesen oder zu gamen. Oder mir was Neues auszudenken. Etwas, was ich noch nicht ausprobiert habe.

 
Gabriela Wenke ist Gründerin und langjährige Redaktorin der Fachzeitschrift für Kinder-und Jugendmedien „Eselsohr“